Deutschlands Krise beginnt nicht auf dem Fußballplatz. Warum uns die Einstellung wegstirbt.
Kürzlich saß ich mit einem Mandanten zusammen, einem gestandenen Mittelständler aus dem Maschinenbau. Wir sprachen über die Besetzung einer Schlüsselposition im SAP-Umfeld. Nach den zehnten qualifizierten Kandidaten, die im Prozess wegen mangelnder „Bissfestigkeit“ oder überzogener Forderungen bei gleichzeitigem Desinteresse an der Firmenvision aussortierten, platzte ihm der Kragen.
Er sagte: „Herr Schlegel, das ist wie bei der Nationalmannschaft. Viel Talent, viel Geld, aber keiner will sich mehr richtig schmutzig machen.“
Dieser Vergleich sitzt. Oliver Kahn hat es neulich auf den Punkt gebracht: Die Probleme im deutschen Fußball lassen sich nicht mit dem Bundestrainer oder der Taktik erklären. Die Ursachen liegen tiefer. Wer täglich wie wir bei Greifenberg mit Entscheidern und Fachkräften spricht, sieht das Muster überall. Wir haben es nicht mit einer sportlichen Krise zu tun, sondern mit einer handfesten Krise unserer Leistungsidentität.
Der Mythos der Einzelkönner
Hand aufs Herz: Deutschland war selten die Nation mit den begnadetsten Technikern oder Zauberfüßen. Ein Mbappe oder Messi wurde hier selten geboren. Aber das war egal. Unsere Stärke war eine andere. Wir waren die, die den Rasen umgepflügt haben. Wir hatten Disziplin, eine unbändige Leistungsbereitschaft und vor allem: Verantwortungsbewusstsein.
Es gab ein gemeinsames Verständnis davon, was es bedeutet, für Deutschland aufzulaufen. Das war kein Individual-Trip zur Selbstvermarktung. Das war eine Mission als Mannschaft. Heute erlebe ich in Bewerbungsgesprächen oft das Gegenteil. Da geht es in der ersten Minute um die Work-Life-Balance und das Homeoffice-Paket, bevor die Frage gestellt wird: „Was kann ich eigentlich zum Erfolg dieses Unternehmens beitragen?“
Kandidaten, besonders im hochbezahlten IT- und SAP-Sektor, agieren immer öfter wie Einzelspieler. Der Fokus liegt auf der eigenen Brand, dem nächsten Zertifikat, dem maximalen Tagessatz. Das große Ganze? Der Erfolg des Projekts oder des Unternehmens? Oft nur noch Nebensache. Wenn es schwierig wird, zieht man eben zum nächsten Projekt weiter. Die Bindung fehlt.
Vielfalt ohne Wertekern ist nur Beliebigkeit
Deutschland hat sich verändert. Wir sind internationaler und vielfältiger. In den IT-Abteilungen unserer Kunden sitzen Menschen aus 20 Nationen an einem Tisch. Das ist potenziell eine riesige Stärke. Aber wir machen einen massiven Fehler: Wir glauben, dass Vielfalt von allein funktioniert.
Vielfalt ohne gemeinsamen Nenner ist Chaos. Eine erfolgreiche Mannschaft braucht gemeinsame Ziele und knallharte Werte, hinter denen alle stehen. Wenn jeder nur seine eigene Agenda verfolgt, bricht das Konstrukt beim ersten Gegenwind zusammen. Das sehen wir in der Nationalelf, wenn die Körpersprache bei einem Rückstand implodiert. Und das sehen wir in Firmen, wenn Projekte gegen die Wand fahren, weil niemand mehr die Verantwortung übernimmt und bei Problemen alle nur auf den Nachbarn zeigen.
Was uns als Gesellschaft und Wirtschaft verloren geht
Wir diskutieren in Deutschland permanent an den falschen Stellen. Wir debattieren über den Trainer, über die 4-3-3-Taktik oder darüber, ob die Spieler vor dem Anpfiff die Hymne mitsingen. In den Unternehmen diskutieren wir über Incentive-Systeme, Agilitätstrainings und schicke Büro-Lounges.
Dabei ignorieren wir die Kernfrage: Was verbindet uns eigentlich noch? Welche Erwartungen haben wir an Leistung und Zusammenhalt? Weder eine Fußballmannschaft noch eine Volkswirtschaft überlebt dauerhaft nur durch Talent. Talent ist der Eintrittspreis. Aber gewonnen wird durch Charakter.
Ich beobachte eine gefährliche Entwicklung: Wir haben verlernt, Anstrengung positiv zu besetzen. Wer heute 110 Prozent gibt, gilt oft schon als verdächtig oder kurz vor dem Burnout stehend. Verstehen Sie mich nicht falsch: Gesundheit und Ausgeglichenheit sind essenziell. Aber wer glaubt, wir könnten unseren Wohlstand halten und Weltmeistertitel (oder Marktführerschaften) gewinnen, indem wir uns nur noch im Wohlfühlmodus bewegen, der irrt gewaltig.
Die unbequeme Wahrheit für HR-Leiter und Geschäftsführer
Wenn Sie heute Top-Leute suchen, dann achten Sie nicht nur auf den Tech-Stack oder die SAP-Module, die jemand beherrscht. Das kann man lernen. Achten Sie auf den „Stallgeruch“. Fragt der Bewerber nach der Strategie? Will er wissen, wie er das Unternehmen wirklich nach vorne bringt? Oder checkt er nur die Benefits ab?
Wir sehen in unseren Suchmandaten immer wieder: Die erfolgreichsten Teams sind nicht die mit den klügsten Köpfen. Es sind die Teams mit der höchsten Identifikation. Wenn ein SAP-Berater versteht, dass sein Modul-Go-Live darüber entscheidet, ob 500 Kollegen in der Produktion morgen noch arbeiten können, und er deswegen bis 22 Uhr am System sitzt – dann haben Sie gewonnen.
Die Krise beginnt im Kopf. Sie endet erst dann, wenn wir Leistung wieder als Wert begreifen und nicht als notwendiges Übel.
FAQ – Leistung und Identität im Recruitment
Warum scheitern heute so viele Besetzungen trotz hoher Qualifikation?
Oft liegt es an der Diskrepanz zwischen fachlichem Können und innerer Einstellung. Viele Kandidaten haben ein „Söldner-Mindset“. Sobald es im Projekt knirscht, fehlt die emotionale Bindung zum Ziel. Wir raten Kunden, im Interview verstärkt die Motivationslage und die Wertekultur abzufragen, statt nur Zeugnisse zu scannen.
Ist der Fokus auf Leistung nicht kontraproduktiv im „War for Talents“?
Im Gegenteil. A-Player wollen mit anderen A-Playern arbeiten. Wenn Sie eine Umgebung schaffen, in der Leistung zählt und Verantwortung übernommen wird, ziehen Sie genau die Leute an, die den Unterschied machen. Wer nur Kuschelkurs anbietet, bekommt auch nur die Leute, die Ruhe suchen – und verliert die Leistungsträger an den Wettbewerb.
Was können Unternehmen von der aktuellen Situation der Nationalelf lernen?
Dass man Erfolg nicht kaufen oder durch bloße Anwesenheit von Stars erzwingen kann. Ein Team braucht eine klare Identität („Wofür stehen wir?“). Ohne diese Identität bleibt jede Investition wirkungslos. Das gilt für den Transfermarkt genauso wie für das Headhunting im Mittelstand.
Wie erkenne ich „echtes“ Verantwortungsbewusstsein im Interview?
Lassen Sie sich konkrete Berichte über Scheitern geben. Wer reflektiert, was sein eigener Anteil an einem Fehltritt war, zeigt Charakter. Wer nur den Chef, die Technik oder den Kunden beschuldigt, wird auch bei Ihnen keine Verantwortung übernehmen.
Sie brauchen Unterstützung bei der Besetzung von Fach- und Führungskräften, die nicht nur Fachwissen, sondern auch die richtige Einstellung mitbringen? Greifenberg unterstützt Sie dabei, die Leistungsträger zu finden, die Ihr Unternehmen wirklich voranbringen.
