Karriere-Poker 2026: Warum „Füße stillhalten“ die riskanteste Strategie ist
Von Tillmann Schlegel, Personalberater bei Greifenberg. In den letzten Monaten habe ich über 300 Gespräche mit IT-Leitern und Kandidaten geführt, um genau diese eine Frage zu klären: Bleiben oder Gehen?
25 Prozent Gehaltssprung beim Wechsel. Das ist aktuell kein fiktiver Wert aus einer Hochglanz-Studie, sondern die harte Realität in unseren aktuellen Besetzungsverfahren für Senior SAP-Berater und Cloud-Architekten. Wer heute in einer festen Anstellung verharrt, während der Wind draußen rauer wird, verbrennt effektiv Geld. Und noch viel schlimmer: Er verbrennt Marktwert.
Ich höre es fast täglich im Erstgespräch: „Herr Schlegel, die Weltlage ist unsicher, die Wirtschaft schwächelt, ich bleibe lieber, wo ich bin. Da weiß ich, was ich habe.“ Meine Antwort darauf ist meistens direkt: Sie wissen vielleicht, was Sie haben, aber Sie sehen nicht, was Sie gerade verlieren. Die vermeintliche Sicherheit am aktuellen Schreibtisch ist 2026 eine gefährliche Illusion. Während Sie die Füße stillhalten, ziehen die Gehälter für Spezialisten, die jetzt Probleme lösen statt nur Dienst nach Vorschrift zu machen, massiv an.
Das Paradoxon der Angst
Unternehmen im Mittelstand und im PE-Umfeld sparen aktuell hart – aber sie sparen nicht bei den Schlüsselpositionen. Im Gegenteil. Wenn ein Unternehmen restrukturiert oder digital nachrüsten muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben, braucht es keine Verwalter. Es braucht Leute, die Projekte ins Ziel bringen. Für diese Profile werden Budgets freigegeben, die vor zwei Jahren noch als völlig utopisch abgetan wurden.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Ein mittelständischer Maschinenbauer suchte händeringend einen IT-Leiter für die SAP S/4HANA Migration. Der erste Kandidat im Prozess wollte 140.000 Euro. Abgelehnt, zu teuer. Drei Monate später stand das Projekt still. Die Kosten für die Verzögerung fraßen das Budget auf. Ergebnis? Wir haben die Stelle letzte Woche mit 175.000 Euro besetzt, plus garantierter Home-Office-Regelung. Das Unternehmen hat verstanden: Teurer als ein guter Fachmann ist nur ein nicht vorhandener Fachmann.
Wer aus einer ungekündigten, sicheren Position heraus verhandelt, hat die maximale Hebelwirkung. Sie brauchen den Job nicht? Wunderbar. Das ist die beste Basis für eine Gehaltsverhandlung, die Sie jemals haben werden. In diesem Markt ist Sicherheit kein Zustand, sondern eine Währung, die Sie gegen Gehalt eintauschen können.
Warum Abwarten Ihren Marktwert senkt
In der IT und im Engineering altert Wissen schneller als Milch. Wenn Sie bei Ihrem Arbeitgeber seit Jahren dasselbe System pflegen und neue Technologien nur aus dem Newsletter kennen, sinkt Ihr Wert jeden Monat. Der Markt 2026 verlangt nach Experten für KI-Integration, Cyber-Security und Cloud-Native-Strukturen.
Wer jetzt wechselt, sichert sich nicht nur ein höheres Grundgehalt. Er sichert sich die Arbeit an den State-of-the-Art-Projekten. Wenn Sie erst wechseln, wenn Ihr aktuelles Unternehmen Stellen abbaut, kommen Sie aus einer Position der Schwäche. Dann konkurrieren Sie mit tausend anderen, die gleichzeitig auf den Markt gespült werden. Werden Sie lieber gejagt, solange es Ihnen gut geht.
Die 3-Wochen-Falle in den HR-Abteilungen
Ein Wort an die Geschäftsführer und Personalleiter: Wenn Sie einen Top-Performer wollen, der eigentlich die Füße stillhalten wollte, müssen Sie Ihren Prozess radikal umbauen. Ich sehe immer noch Unternehmen, die für eine wichtige Engineering-Stelle vier Interviewrunden über acht Wochen verteilen. Lassen Sie es. Damit gewinnen Sie niemanden mehr.
Ein Kandidat, der aus einer stabilen Position kommt, hat keine Lust auf Bittstellertum. Er will Wertschätzung und Geschwindigkeit. In meinen Mandaten gilt: Maximal zwei Runden, Entscheidung innerhalb von 14 Tagen. Wer länger braucht, verliert den Kandidaten an den Wettbewerber, der den Vertrag schon beim zweiten Kaffee unterschriftsreif auf den Tisch legt. Speed is a feature.
Der Faktor Interim: Das Sicherheitsnetz für Mutige
Oft höre ich die Sorge vor der Probezeit. Was, wenn es beim neuen Arbeitgeber nicht passt? Hier kommt das Modell Interim Management oder Freelancing ins Spiel. Wir sehen 2026 einen massiven Trend zu Projektbesetzungen. Die Tagessätze für erfahrene Projektleiter liegen je nach Spezialisierung zwischen 1.200 und 1.800 Euro. Für viele SAP-Experten ist das der logische Schritt: Maximale Freiheit bei maximalem Verdienst.
Das Risiko? In meinen Augen geringer als eine Festanstellung in einem Konzern, der gerade das dritte Sparprogramm verkündet. Ein guter Freelancer hat heute drei Anschlussoptionen, bevor das aktuelle Projekt endet. Wer die Füße stillhält, hat am Ende nur eine Option: Das, was der aktuelle Chef ihm übrig lässt.
Fazit: Antizyklisch handeln
Der Arbeitsmarkt 2026 ist zweigeteilt. Es gibt die Masse der Abwartenden, deren Gehalt real schrumpft und deren Skills veralten. Und es gibt die zwei Prozent der Markttreiber, die das aktuelle Zögern des Rests nutzen, um enorme Sprünge zu machen. Zu welcher Gruppe wollen Sie gehören?
Wenn Sie wissen wollen, wo Ihr Marktwert wirklich steht – jenseits von pauschalen Tabellen – lassen Sie uns sprechen. Wir bei Greifenberg sehen die echten Abschlüsse jeden Tag.
FAQ: Häufige Fragen zum Jobwechsel 2026
Ist ein Wechsel in der Wirtschaftskrise nicht zu riskant?
Nein. Das größte Risiko ist, in einem Unternehmen zu bleiben, das den Anschluss verliert. Top-Fachkräfte werden immer gebraucht, gerade wenn es schwierig wird. Wer jetzt wechselt, geht dorthin, wo investiert wird.
Welche Gehaltssprünge sind aktuell realistisch?
In Spezialgebieten wie SAP S/4HANA, IT-Security oder Cloud-Engineering beobachten wir bei einem Wechsel Sprünge zwischen 15 und 25 Prozent. In defensiven Branchen liegt die Spanne eher bei 10 Prozent.
Wie schnell muss ein Recruiting-Prozess heute sein?
Vom ersten Gespräch bis zum Vertragsangebot sollten nicht mehr als drei Wochen vergehen. Top-Kandidaten sind meist nur wenige Tage aktiv am Markt, bevor sie sich entscheiden.
Sollte ich lieber in die Festanstellung oder ins Interim Management?
Das ist Typsache. Wer Sicherheit durch Vielfalt will, wählt Interim. Wer eine langfristige Strategie in einem Unternehmen prägen möchte, bleibt in der Festanstellung – sollte diese aber alle 4-5 Jahre kritisch prüfen.
Was sind die gefragtesten Skills 2026?
Technisch stehen KI-Architektur und Cloud-Transformation oben. Auf der menschlichen Seite sind es Change-Management und die Fähigkeit, komplexe IT-Themen dem Business verständlich zu machen.
